Nix gelernt.

“Ich brauch eine Pause von dem ganzen Scheiß”, hab ich mir gedacht.

Den Sommer über war mir aufgefallen, dass ich (nicht nur während meiner kurzen und sehr intensiven Tinderphase) meine Zeit wieder zunehmend vor dem Smartphone verbrachte. Zwar hielt ich mich (meistens) noch an meine eiserne Regel, den Flugmodus einzuschalten, bevor ich ins Bett gehe, um spätabendliches Scrollen bis zur absoluten mentalen und physischen Erschöpfung zu vermeiden, aber inzwischen nahm ich das depperte Teil sogar mit aufs Klo – zu Hause!!

Und wir wissen ja alle, dass uns diese fast pausenlose Connectedness nicht gut tut, sondern unsere Stresslevel erhöht. Für den ersten Familienurlaub seit Langem hab ich mir deswegen erst überlegt, mein Handy zwar nach Nordspanien mitzunehmen, aber das Internet ausgeschaltet zu lassen. Ja. Genau. Also hab ich beschlossen, es gar nicht erst mitzunehmen – 7 1/2 Tage also ohne Smartphone.

Tag 0

25.09.2019

Den Tag vor der Abreise verbringe ich schon bei meinen Eltern in Bayern, allerdings nicht mit ihnen. Ich muss “Sachen regeln”, und zwar den ganzen Tag. Von morgens bis abends sitze ich mit Computer und Handy im Büro, schreibe E-Mails (darunter immerhin zwei Bewerbungen, bei denen ich extra angemerkt habe, dass ich bis 3.10. nicht erreichbar sein werde), beantworte Nachrichten auf WhatsApp und Facebook, organisiere meinen Kalender (was auch immer das heißt).

Letztendlich war ich den ganzen Tag wirklich produktiv, aber ein “sense of achievement” hab ich nicht. Im Gegenteil fühle ich mich extrem gestresst, so viele unverrichtete Dinge jetzt einfach eine Woche stehenzulassen und nicht erreichbar zu sein.

Der Artikel für Scribbr, den ich eigentlich schon auf der Zugfahrt von Wien nach Bayern schreiben wollte, muss wohl bis nach dem Urlaub warten. Und fürs Awareness-Team für den hausgemachten Geburtstag am 4.10. haben sich nicht genug Leute gemeldet und ich werde keine Möglichkeit haben, das vor dem Nachmittag meiner Rückkehr zu regeln. Und zwei Volunteers fürs Intimate Revolution Festival wollen ihr Team tauschen, aber ich muss noch auf eine Rückmeldung warten. Und ich hab meine Punkte für die Gender-Studies-Kurse kommendes Semester verteilt, aber es gibt mehr Interessent*innen als Plätze, und bei den ersten Einheiten am 1., 2. und 3. Oktober werde ich nicht da sein können. Und mein Crush hat mir nicht geantwortet, aber ich will jetzt auch nicht noch mal schreiben 😦 Und und und…

Das ist eben die Sache mit dieser konstanten Erreichbarkeit – nichts ist je wirklich abgeschlossen, jeden Tag, jede Sekunde eigentlich kann ein neuer Input kommen, auf den frau dann reagieren kann/will/muss. So fucking viel passiert im Internet und im Leben innerhalb einer Woche.

Aber ich hab nicht nur Angst, etwas zu verpassen oder nicht schnell genug auf etwas reagieren zu können. Eine tieferliegende Angst ist, dass die Leute gar nicht merken, dass ich nicht da bin. Wer auch immer “die Leute” sind und wodurch es sich genau ausdrückt, ob ich “da” bin oder nicht.

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Tag 3

28.09.2019, 10:30 Uhr

Wieder mal die Uni-Anmeldeübersicht und die Uni-Mails am iPad meiner Eltern gecheckt, obwohl ich zu 99 % weiß, dass es da nichts Neues gibt – einfach nur, um irgendwas zu checken.

Um mich in Gmail oder facebook einzuloggen, bräuchte ich mein Handy für die 2-Step-Verification – zum Glück, sonst hätte ich schon mindestens zweimal meine Mails abgerufen und nur noch mal kuuurz geschaut, ob ich auf facebook eh nichts Wichtiges verpasse.

Meine übliche Routine am Morgen nicht zu haben ist komisch. Dieses befriedigende Gefühl, wenn ich nach dem Meditieren den Flugmodus ausmache und das Handy erst mal unkontrolliert vibriert und überall die roten Benachrichtigungspunkte aufpoppen. Das durchzuarbeiten ist befriedigend, weil ich dadurch die Ordnung wiederherstelle – aber jetzt, ohne Handy, entsteht erst gar keine Unordnung, die ja auch erst mal stressig ist.

Ohne die ständig verfügbare, endlose Ablenkung und ohne den immer bestehenden subtilen Druck, noch auf diese Nachricht antworten oder jener Person schreiben zu müssen, merk ich erst mal, wie müde ich bin. Also das merke ich sonst auch, aber ich ignoriere es, schiebe es weg, indem ich mir die neuesten Instastorys anschaue. Jetzt sitze ich da und schaue an die Wand oder aus dem Fenster oder mache die Augen zu.

30 Google-Suchanfragen hätte ich sicher schon gemacht, vor allem nach spanischen Vokabeln, oder um irgendwelche historischen oder kulturellen Infos zum Besten zu geben. Und wie meine Eltern ihr Leben ohne Offlinekartennavigation hinbekommen, weiß ich auch nicht.

Bei der Wanderung gestern hätte ich sicher 20 Mal nachgeschaut, ob wir eh richtig gehen. Die “Abkürzung” durch die Schlucht hätten wir uns dadurch wohl erspart und ich jedes einzelne Kunstwerk im bemalten Bosque de Oma vollumfänglich gesehen und verstanden, weil ich den vermutlich existierenden Online-Audioguide dazu runtergeladen hätte. Aber ich hätte wohl auch insgesamt 30 Minuten auf einen Bildschirm geschaut statt in die Natur. So habe ich vielleicht eher das gesehen, was ich sehen sollte – nicht alles, aber genug.

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Bosque de Oma
20:30 Uhr

Immer wieder, den ganzen Tag über, will ich reflexartig mein Handy checken, bevor mir wieder einfällt, dass ich es nicht dabeihabe. Nicht weil ich auf etwas warte oder etwas Bestimmtes brauche, sondern einfach so, aus Gewohnheit.

Besonders in Momenten der Entspannung, also zum Beispiel als wir nach relativ langem Gehen am Strand ankommen und ich mich hinsetze. Oder jetzt, als wir ins Hotelzimmer zurückkommen – die anderen sind alle am Handy oder am Laptop. “Jetzt erst mal entspannen”, habe ich beim Reinkommen gedacht. Dabei ist es nur vermeintlich entspannend, den fb- und Instafeed durchzuscrollen. Entweder es ist todeslangweilig oder ich muss mich zwingen, wieder aufzuhören – meistens beidest.

Stattdessen hab ich Fotos auf der Spiegelreflex aussortiert, das war nach drei Minuten erledigt. Und – wohl wirklich, um einfach ein bisschen wenigstens am gewohnten Bildschirm zu tippen – meine Unikurs-Anmeldungen und -Mails hab ich auch noch mal gecheckt. Keine Veränderung natürlich, vor allem am Samstag, lol.

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Cafe Viena, San Sebastian

Tag 4

29.09.2019 23:30 Uhr

Heute ist mir vor allem die Handykamera abgegangen; stattdessen hab ich bei der dreistündigen Wanderung die Spiegelreflex mitgeschleppt und musste sie jedes Mal aus- und wieder einpacken, wenn ich ein Foto machen wollte. Jetzt denke ich, ich mache mit dem Handy auch nicht sooo übertrieben viele Fotos, aber heute hab ich’s mir noch genauer überlegt als sonst. Und Selfies mach ich halt gar keine, haha.

Der Reflex, in Momenten der Entspannung erst mal das Handy rausholen zu wollen, ist immer noch da, aber immerhin habe ich heute kein einziges Phantomvibrieren gehört oder gespürt. Ich glaube aber, dass sich dieser Reflex ziemlich schnell verfüchtigt. Und langweilig ist mir immerhin nicht geworden bisher: Entweder ich lerne Türkisch, was ich wohl mit Handy gar nicht gemacht hätte, oder ich denke nach. Viele Erinnerungen kommen hoch, fast wie im Meditationskurs (den ich übrigens genau um diese Zeit vor einem Jahr in Spanien gemacht habe). Wie eine “lebendige” Meditation fühlt sich das hier an, weil ich eben diese konstante Ablenkung nicht habe.

Eh krass – wir wissen, dass  uns die ständige Erreichbarkeit und Ablenkung extrem stressen, aber können es uns nicht leisten, darauf zu verzichten. Oder glauben das zumindest.

Mein Bruder hat vorhin mit seiner (ersten) Freundin telefoniert und ihr von seinem Tag erzählt, und dann hat sie erzählt, was sie “so gemacht” hat heute. Da ist mir wieder mal aufgefallen, welche Belanglosigkeiten wir miteinander austauschen manchmal, und dadurch entsteht dann Nähe, oder die Illusion von Nähe, oder vielleicht gibt es da auch keinen Unterschied.

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Von Zumaia nach Deba
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Von Zumaia nach Deba

Tag 5

30.09.2019 22:30 Uhr

Inzwischen ist der erwartete Gewöhnungseffekt eingetreten und ich will eigentlich kaum mehr als erstes zum Handy greifen, sobald ich mich wo hinsetze oder im Hotel ankomme. Nur die Unikurse hab ich wieder gecheckt, halb ironisch halb ernst. Wieder wissend, dass ich ganz bestimmt auch meine privaten Mails mehr als einmal kurz durchgeschaut hätte, wenn mich die 2-Step-Verification nicht daran gehindert hätte. Bin ich froh, dass es die gibt.

Ob das alles übrigens zu meiner Entspannung beiträgt, wie frau vermuten würde, bezweifle ich ja. Erstens, weil ich mich nicht entspannt fühle, lel. Also ganz subjektiv. Und objektiv betrachtet ist der Stress ja nur pausiert; die Stressoren sind nicht wirklich weg, sondern warten in der Zukunft auf mich und wirken daher unterschwellig weiter.

Aber auch dieses Gefühl der Befriedigung erwartet mich, wenn ich nach tugendhafter Abstinenz dann endlich mein Handy wieder einschalte und dann Hunderte von Benachrichtigungen auf einmal bekomme – ein multipler Orgasmus für mein Belohnungszentrum.

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San Vicente de la Barquera

Tag 6

01.10.2019 21:50 Uhr

Heute war ich erstmals so richtig in Urlaubsstimmung, was vielleicht auch an dem Surfkurs am Vormittag lag. Meine Kamera hatte ich heute gar nicht dabei – das ist schon praktisch beim Smartphone, dass frau das eben eigentlich immer dabei hat, um mal schnell ein Foto von irgendwas zu machen. Andererseits geht die Welt meistens auch nicht unter, wenn frau was auch immer dann doch nicht bildlich festgehalten hat. Dass mein Vater am Schluss sein Smartphone noch gezückt hat, um meine Erfolge beim Surfen digital zu verewigen, freut mich aber doch. Denn wenn es keine Fotos (bzw. in diesem Fall Videos) gibt, ist es ja bekanntlich nicht passiert.

Einer Freundin heute zum Geburtstag zu gratulieren, war dann schwieriger als Gedacht. Den Termin hatte ich mir zwar extra ins Tagebuch geschrieben, weil ich meinen digitalen Kalender ja nicht dabeihabe, der mich sonst an Geburtstage erinnert. Meine Mama hatte aber ihre Nummer nicht, sondern nur die einer weiteren Freundin, die wir jetzt gebeten haben, das Video mit den Geburtstagsgrüßen weiterzuleiten.

Heute habe ich auch erstmals die Unikurse nicht gecheckt – success! Da werd ich dann eh genug damit zu tun haben, wenn ich wieder in Wien bin, haha.

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Nicht das Board, auf dem ich gesurft bin.
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San Vicente de la Barquera

Tag 7

02.10.2019 23:00 Uhr

Der Akku von der Spiegelreflex war leer und ich hatte sowieso keine Lust mehr, sie mit mir rumzutragen im verregneten Bilbao heute. Also gibt es eben keine Fotos von heute Nachmittag und ich musste feststellen, dass meine Navigationsskills nur mit ganz analog-phsyischer Stadtkarte ohne GPS auch nicht mehr das sind, was sie in meiner Prä-Smartphone-Zeit mal waren.

Dieser Urlaub kommt mir unendlich lange vor, was vielleicht auch an der eher unentspannten Stimmung und den üblichen Missverständnissen in der Kommunikation vor allem mit meiner Mutter liegt. Aber mir scheint es, als hätte ich seit Monaten nichts von meinen Freund*innen gehört, nicht erst seit 7 Tagen. Zwar rede ich ja nicht mit jeder und jedem täglich, aber zumindest täglich mit ein paar von ihnen. Aber in den letzten tagen hab ich einfach gar nichts mitbekommen, alles Mögliche könnte passier sein. Alles Mögliche ist sicher passiert 😀 Und ich freu mich schon, alles drüber zu erfahren.

Das ist ja das Schöne am Abstand gewinnen, am Pausieren, am Enthaltsamkeit üben: Frau sieht die Dinge klarer, distanzierter, vielleicht objektiver. Frau sieht, wo Abhängigkeiten bestehen oder Ablenkungs- oder Verdrängungsmuster greifen. Durch den kurzzeitigen und bewussten Verzicht wird aber auch klar, was frau an einer Sache schätzt.

Und ich merke, dass ich dabei nicht mehr nur vom Smartphone spreche – sondern von (fast) meinem ganzen Leben. Deswegen ist es ja so schwer, das Handy “einfach” mal ein paar Tage nicht zu benutzen. Es ist nahezu unmöglich, weil quasi unser gesamtes Leben – und in großem Maße das Leben unserer Freund*innen und Bekanntschaften, vor allem, wenn sie nicht am selben Ort sind wie wir – da drin steckt.

Auch wenn’s mich meistens ziemlich stresst, vermiss ich mein Leben in Wien und alle(s) was dazugehört, meinen vollen Kalender, mein niemals ganz aufgeräumtes Zimmer, meine Dutzenden Lesezeichen, die ich mir “irgendwann” noch durchlesen will, die diversen Nachrichten von Freund*innen und Bekanntschaften, die ich vor zwei Monaten schon hätte beantworten sollen, und das verdammte Konto bei der Raiffeisenbank, das ich seit zwei Jahren kündigen will.

Na gut, das war jetzt vielleicht ein bisschen zu pathetisch. Aber was ich meine ist: So ein radikales Internet-Detox ist schon ganz nett und ich bin stolz und froh, das mal ausprobiert zu haben. Aber ich hätte mir einen größeren Entspannungseffekt erwartet. Dass der nicht eingetreten ist, zeigt mir, dass mein Internet-/Smartphone-/Medienkonsum wohl doch nicht so schlimm wie gedacht oder zumindest nicht die Ursache meines Stressgefühls ist. Das ist so oder so da, der Konsum (jeglicher Art ;)) ist nur ein Ventil, ein Symptom.

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Guggenheim Museum

Tag 8

03.10.2019 14:35 Uhr

Die letzten Meter auf dem Weg vom Flughafen nach Hause. Eigentlich denk ich seit heute Morgen kaum noch an etwas anderes als daran, endlich das Handy einschalten zu können. Jetzt wo der Moment näher rückt, freue ich mich doch erst mal eher auf das unkontrollierte Vibrieren und dieses Gefühl der Befriedigung, wie ich es sonst nur spüre, wenn ich nach 48 Stunden Feiern genüsslich an einem Ofen ziehe und die Stille genieße.

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Tag 0

04.10.2019 11:30 Uhr

Die Vorfreude war letztendlich wesentlich größer als das tatsächliche Ereignis der Wiedervereinigung und das unkontrollierte Vibrieren eigentlich weniger befriedigend als sonst.  Den gestrigen Nachmittag verbrachte ich, wie befürchtet, wieder im Büro, trennte Wichtiges von weniger Wichtigem von Unwichtigem und wurde dabei immer wieder von völlig Belanglosem in den Bann gezogen. Meine Großeltern hab ich nicht mehr besucht, weil ich es für wichtiger hielt, meine Emails zu sortieren. Das hat mich schon währenddessen genervt, aber rückblickend frustriert es mich noch mehr.

Dabei mache ich auch meist mindestens zwei Dinge gleichzeitig – während der Kalender lädt, hör ich mir eine Sprachnachricht an, dabei fällt mir ein, dass ich noch diese E-Mail schreiben wollte, im Posteingang werde ich aber von einer anderen E-Mail abgelenkt, dabei merke ich gar nicht, dass die Sprachnachricht zu Ende ist und muss sie mir zehn Minuten später, als ich eine neue Nachricht auf Whatsapp bekomme, noch mal anhören.

Und wenn mir das alles zu viel ist, geh ich auf Instagram, zur “Entspannung”.

Nix gelernt.

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